Als Angestellter in einer insolventen Firma

Ende letzten Jahres erfuhr ich, dass die Firma, für die ich seit mehr als dreineinhalb Jahren tätig bin, Insolvenz anmelden muss. Ein kurzer Erfahrungsbericht.

2018 suchte ich mir eine neue Arbeit, die ich im März des selben Jahres auch direkt begann, und zwar, wie so gerne, als Softwareentwickler und Administrator. Nach kurzen Startschwierigkeiten und Neuorientierung lief es dann doch ganz gut und ich hatte (zumeist) Freude an meiner Arbeit.

Im Oktober, nach einem Arbeitstag, dann das kurze Gespräch zwischen meinem Chef und mir. Er müsse wohl Insolvenz anmelden (warum und wieso, ist hier nicht Thema). Ich war schon gut geschockt, im Nachhinein hätte ich aber auch selbst drauf kommen können. Wie das so immer ist: Später ist man immer schlauer.

Im November 2021 wurde es dann offiziell. Ich bekam die schlechte Nachricht per E-Mail, dass ein Insolvenzantrag eingereicht wurde und es einen Insolvenzverwalter gibt. Dann wurde aus der “grauen” Nachricht im Oktober plötzlich harte Gewissheit.

Abgesehen vom Verlust des Arbeitsplatzes gab und gibt es ein weiteres Problem: Es gibt kein Geld. Ab Oktober. Nochmal: kein Geld. Nicht weniger Geld oder jemand anderes übernimmt das, nein, es gibt kein Geld. Die Banken und die Supermärkte, die Strom- und Gaslieferanten, die Kindergärten, und viele mehr, wollen aber weiterhin Geld haben. Also stehst du mit einer Frau, die glücklicherweise beschäftigt ist, und drei Kindern da und weißt nicht weiter. Hast du dann keine Ersparnisse, sieht es schlecht für dich aus.

Vom Insolvenzverwalter wird dir dann gesagt: Stell doch einen Antrag auf Insolvenzgeld. Das bedeutet, dass du für drei Monate dein volles Gehalt bekommst, und zwar von der Arbeitsagentur und das ohne Anrechnung auf das Arbeitslosengeld, du arbeitest ja schließlich. Wissen muss man aber, dass einem das Insolvenzgeld erst zusteht, wenn auch eine Insolvenz besteht. Man hat allerdings auf dem Antragsformular die Möglichkeit, ein Kreuzchen zu setzen, um einen angemessenen Vorschuss zu bekommen, was ich machte.

Den Antrag habe ich noch im November eingereicht, um zum Einen Geld zu bekommen und zum Anderen die Fristen nicht zu verpassen (innerhalb von zwei Monaten nach Bekanntgabe der Einleitung der Insolvenz). Heute ist der zehnte Januar. Ich habe noch keinen Cent bekommen. Auf zweimaliges Nachfragen bei der Arbeitsagentur bekam ich heute die E-Mail, dass die den Antrag erst prüfen können, wenn mein Arbeitsverhältnis endet. Jetzt ist die Problematik, dass mein Chef versäumt hat, mir fristgerecht zu kündigen und ich noch bis Ende Januar angestellt bin. Wer bis hierhin aufmerksam mitgelesen hat weiß, dass es das Insolvenzgeld nur für drei Monate gibt, wenn es das denn überhaupt gibt, in meinem Fall also für Oktober, November und Dezember. Januar? Pustekuchen.

Laut meinem Anwalt steht mir das Januargehalt aber von meinem Arbeitgeber zu. Damit ich nicht voraussichtlich kostenlos einen vierten Monat arbeite (denn ob man Insolvenzgeld bekommt, steht auch noch in den Sternen und ist von verschiedenen Faktoren abhängig), riet mein Anwalt und ein Rechtsforum mir, von meinem Zurückbehaltungsrecht gebrauch zu machen, was ich dann auch tat. Der Brief an meinen Chef stieß natürlich nicht auf Freude, hat er mich ja eingeplant, noch für Projekte für seine andere Firma weiter zu arbeiten. Fakt ist aber, dass man nicht weiß, ob man überhaupt Geld bekommt, sprich, man arbeitet kostenlos, hat aber ja auch Ausgaben (Strom, Benzin…).

Die Zeit, die man das Zurückbehaltungsrecht ausübt, kann man natürlich sinnvoll dazu nutzen, sich zu bewerben und an seinen Bewerbungsunterlagen zu arbeiten (wenn man nicht eh schon auf der Straße sitzt, weil man keine Rücklagen hatte), was ich auch fleißig mache.

Ich habe natürlich durchaus Verständnis für meinen Chef. Neben ganz kuriosen Bitten, die ich hier nicht weiter ausführen möchte, wurde mir (wohl) vom Insolvenzverwalter meines Chefs geraten, selbst direkt zu kündigen, damit ich schleunigst Insolvenzgeld bekomme. Ganz großer Fehler. Laut zwei Anwälten, einem Rechtsforum und einem Gespräch mit der Arbeitsagentur selbst, erhält man dann eine dreimonatige Arbeitslosengeldsperre. Auf keinen Fall selbst kündigen, egal, welcher Druck ausgeübt wird.

Jetzt sitze ich hier, auf der Suche nach einer neuen mich ausfüllenden Arbeit, warte darauf, dass Anfang Februar mein Insolvenzgeldantrag geprüft wird und ich dann irgendwann die ausstehenden drei Monate Gehalt bekomme, für die ich voll gearbeitet und meinen Urlaub unfreiwillig abgefeiert habe (!) und hoffe, dass ich irgendwie noch das Januargehalt bekomme, welches mir auch zusteht, wenn ich vom Zurückbehaltungsrecht gebrauch macht.

Schreibe einen Kommentar