Arbeiten in einer großen IT-Firma

Im Jahre des Herrn 2018 habe ich für zwei Monate in einer großen IT-Firma gearbeitet, die Arztsoftware herstellt. Ich habe das Unternehmen auf eigenen Wunsch verlassen, da mich andere Aufgaben erwarteten. Dennoch möchte ich einen kurzen Einblick geben, was ich gut und, vor allem, was ich nicht so gut fand.

Stellen wir uns ein riesiges, bereits seit Jahrzenten expandierendes und sehr erfolgreiches IT-Unternehmen vor, welches vorrangig in der Softwareentwicklung zugange ist. Die Mitarbeiteranzahl liegt bei ungefähr 4.500 Personen, davon natürlich nicht alle ITler. Im Sommer fing ich an, im selben Sommer hörte ich auf.

Alles begann mit einer Bewerbung. Wenn ich mich recht erinnere, mit acht Bewerbungen. Bei sieben wurde ich abgelehnt, bei der achten bekam ich die Chance auf ein Vorstellungsgespräch. Es ging um eine Stelle als C++-Qt-Entwickler mit geringen Datenbankkenntnissen. Ich meisterte das Vorstellungsgespräch, wie ich zwei Wochen später erfuhr, wohl ganz gut, weswegen ich dort meinen Vertrag unterschrieb. Das Vorstellungsgespräch war, im Gegensatz zu anderen Vorstellungsgesprächen, die ich bisher führte, nur mit dem Abteilungsleiter. Seine Assistentin hatte frei oder war krank. Dementsprechend technisch ging es im Vorstellungsgespräch auch zugange, was micht natürlich freute. Leider war der Abteilungsleiter aber anscheinend schon eine ganze Weile aus der Programmierwelt raus. Es kam, dass er mich fragte, was virtuelle Methoden sind. Als ich ihm das erklärte, war er nicht sonderlich über meine Antwort erfreut. Er war der Meinung, dass man nur virtuelle Methoden überschreiben kann. Ich erklärte ihm, dass dies nicht korrekt sei und sagte weiter, wie das denn richtig funktioniert. Glücklicherweise kippte das Gespräch darauf hin nicht und ich ich hakte die Sache ab.

Zwei Dinge waren für mich aber schwer abzuhaken. Die eine war, dass ich ernsthaft gefragt wurde, warum denn mein Berufsschulzeugnis schlecht war (das war immerhin gut fünfzehn Jahre her). Die andere war die Gehaltsverhandlung. Verdiente ich bereits vorher noch nicht sonderlich gut, wurde ich um 10.000 Euro im Jahr gedrückt. Dazu gab es die Erklärung, dass ich bisher nur bei einem Arbeitgeber (immerhin 14 Jahre) gearbeitet habe und dadurch mein doch sehr gute Arbeitszeugnis als einzige Referenz nicht ausreichen würde und auch nicht unbedingt glaubhaft wäre. Meine weiteren angegebenen Referenzen (etliche Software- sowie administrativen Projekte) wurden geflissentlich ignoriert.

Aus einer Not heraus nahm ich den Job aber erst einmal an, obwohl ich teils ein flaues Gefühl im Magen hatte und wir, also meine Familie und ich, uns auch geldlich minimieren mussten.

Jetzt war es soweit. Ich kündigte meinen alten Job und mein erster Arbeitstag begann. Für den ersten Tag erhält man einen reservierten Parkplatz. Dies ist auch durchaus notwendig, sind doch Parkplätze leider viel zu wenige vorhanden. Teils muss man eine viertel Stunde laufen.

Ich wurde in der Abteilung herumgeführt und musste mir dutzende Namen merken. Dann bekam ich meinen Paten. Der Pate hilft in den ersten Wochen, sich in der Firma, den Gebräuchen sowie den Arbeitsabläufen zurecht zu finden und auch durch die Systeme durchzusteigen. Die Idee des Paten ist hervorragend und ich bekam einen, der absolut fit war. Es gab nur ein Problem: Dem Paten wurde keine Zeit gegeben. Er war mit dringenden Arbeitsabläufen und Überstunden so überfüllt, dass er zu seinem und meinem Bedauern nur sehr wenig Zeit hatte, mir Dinge zu zeigen. Auch alle anderen, sehr hilfsbereiten Kollegen, haben wenig bis keine Zeit, vernünftig Fragen zu beantworten. Ich erkläre später, warum das so ist und warum ich das Konzept dieser Firma sehr fragwürdig finde.

Die Büros sind ausreichend groß, allerdings wurde mir ein Dreierbüro versprochen, in dem an drei Tagen die Woche der Azubi ist. Ich kam später in ein Viererbüro. Das ist für viele nicht schlimm, ich brauche aber meine absolute Ruhe beim Arbeiten, weswegen ich dort eh nicht sonderlich lange hätte arbeiten wollen. Das ist aber natürlich die eigene Ansicht, andere mögen das.

Am ersten Tag erhält man eine Zugangskarte zu den Büroräumen sowie Parkausweise für die eigenen Autos. Weiterhin wurde ich durch das weiträumige Gelände geführt und mir wurden die wichtigsten Stationen gezeigt.

Die IT-Austattung war eher unteres Mittelfeld. Es gab ein billiges Dell-Notebook, bei dem man die Tastatur eindrücken konnte mit einem arschlahmen Prozessor, zwei 24 Zoll große Monitore, eine Billigmaus und, ganz schlimm, eine Billigtastatur. Die beiden Geräte tauschte ich schnell durch private aus. Weiterhin gab es einen ganz guten Stuhl, der nach drei Wochen geliefert wurde. Davor saß ich auf einem Ding, welches nicht mehr lange zu halten schien und kaum noch als Stuhl durchging. Ventilatoren wurden bereitgestellt, die Schreibtische waren ok. Unlustig war es für mich, als ich merkte, dass man ein E-Mail-Quota von 200 Megabyte hatte.

Es wurde viel Wert auf bürokratisches gelegt, viel mehr, also auf die eigentlichen technischen Aufgaben. Man musste Formulare ausfüllen, um administrativen Zugang auf der eigenen Maschine zu bekommen, Formulare ausfüllen, um ans SVN zu kommen, Formulare hier, Formulare da, man musste eine riesige Einweisungsliste von etlichen Mitarbeitern abhaken lassen, die teils erstmal fragten, was sie mir denn erklären sollen. Zwei unterschrieben den Wisch einfach mit dem Kommentar „Wenn es soweit ist, siehste schon, wie das geht.“.

In den zwei Monaten, in denen ich da war, musste ich zwei Datenschutzkurse inklusive Prüfung absolvieren. Ich hätte dann noch einen „agiles Arbeiten“-Kurs über zwei Tage sowie einen „Starttag“ absolvieren sollen. Obgleich flache Hierarchien ausgelobt wurden, gab es eine unglaubliche Vielzahl an hierarchichen Typen, die ich bis heute noch nicht ganz durchdrungen habe.

Installieren dürfte man auf dem eigenen Gerät, was man wollte, sofern es legal war. Auch dürfte man die Tools, die man benutzte, in Grenzen selbst auswählen. Zum Beispiel den Editor, die IDE und teils zum Testen auch die Compiler.

Es wurde agil nach SAF-E bzw. Scrum gearbeitet. Die unterstützenden Tools kamen von Atlassien, also Jira, Confluence und die ganzen anderen Anhängsel. Hier begann dann der Arbeitsstil, den ich unglaublich kontraproduktiv fand.

Jeden Morgen um viertel nach zehn gab es das Standup-Meeting. Auf dem wurde gesagt, was man am Vortag erledigt hat und was man den Rest des Tages noch zu tun gedenkt. Auch wurde das Burn-Down-Chart angesehen. Dies gab für die Abteilungsteams an, wie gut sie im Zeitplan lagen, die sie alle zwei Wochen im Sprint-Meeting aufstellten.

Beginnen wir aber noch ein wenig früher. Der Arbeitstag begann mit der Gleitzeit. Frühestens ab sechs, spätestens ab zehn musste man an seinem Platz sein. Man ging an der Pforte vorbei, öffnete mit seiner RFID-Karte die Tür zum Bürogebäude und stempelte sich ein. Das war ich überhaupt nicht gewohnt, hatte ich doch zuvor immer Vertrauensarbeitszeiten. Ich empfand das nicht nur als nervig, sondern, und da denke ich vielleicht alleine, als Kreative, die wir Softwareentwickler auch sind, doch sehr beschneident. Der normale Arbeitstag hatte acht Stunden. Ab fünfzehn Uhr konnte man dann aber auch wieder gehen, wenn das Zeitkontingent dies zulies. Natürlich musste man sich ausstempeln. Diese Kontrolle reichte aber nicht. Das große Problem war, dass man letztlich nahezu jede Minute in Jira buchen musste. Das brachte gleich einige Probleme mit sich, da man nur auf seine eigenen Tickets Zeit buchen dürfte. Man konnte keine sinnvolle kreative Pause machen und sich zum Beispiel weiterbilden, um eine Aufgabe sinnvoll lösen zu können, ohne buchungstechnisch zu lügen. Man konnte aber auch sich nicht wirklich neben einen anderen Kollegen für ein paar Stunden setzen, um ihm zu helfen oder sich selbst helfen zu lassen, ohne buchungstechnisch zu lügen. Man musste mitunter also lügen, da die Zeit für den Achtstundentag logisch gebucht sein musste. Das ist ein System, mit dem ich überhaupt nicht umgehen kann. Entweder man vertraut mir, oder man arbeitet nicht mit mir zusammen.

Auf den zweiwöchentlichen Sprint-Meetings musste man sich dann erklären, wenn nicht richtig, zu wenig oder falsch gebucht wurde. Das war für den ein oder anderen recht unlustig, wie ich empfand.

Bisher war und bin ich Softwareentwickler und Administrator und habe etliche Softwareprojekt selbständig erfolgreich umgsetzt. Die Arbeitsweise war dort aber eine andere. Sogenannte Requirement Engineers setzen die Aufgaben für einen in Tickets in Jira um. Man selbst schätzt dann auf die Tasks nur die Zeiten, die man braucht (und auch einhalten sollte…). Nun ist es so, dass natürlich ein anderer nicht für mich selbst eine Aufgabe in Teilaufgaben gliedern kann. Das kann nur ich selbst. Mir wurde das gemacht und ich musste alles umschmeißen. Dies kostete nicht nur sinnlose Zeit, sondern nervte auch noch alle Beteiligten. Viele wurden auch überbucht, so dass sie die Aufgaben überhaupt nicht schaffen konnten. Ich habe mitbekommen, dass einige Leute wochenlang Überstunden ableisten mussten. Hier bestand aber auch das Problem, dass man, theoretisch, nur zehn Überstunden in den nächsten Monat mitnehmen dürfte. Der Rest verfiel. Der Abteilungsleiter hatte das dann zwar geregelt, aber ein mulmiges Gefühl blieb dennoch.

Über die Codequalität spreche ich sehr ungern. Ich habe etliche tausend Zeilen gelesen, zwischen schlecht und sehr schlecht war alles zu finden. Das lag nicht unbedingt daran, dass da schlechte Programmierer arbeiten, ich habe sogar ein paar sehr gute kennenlernen dürfen. Doch es gab große Probleme. Zum einem waren die Leute, wie ich sagte, teils echt überbucht. Weiterhin gabe es keine festen Coding-Regeln. Jeder programmierte so, wie er gerade lustig war. Dann war da mal C, mal C++, mal irgendwas und alles mit unterschiedlicher Einrückung. Man musste in Code von anderen laufend herumhantieren und machte alles nur noch viel schlimmer. Für GUIs wurden keine Layoutmanager benutzt, alles war hakelig und teils einfach nur kaputt. Es waren riesige Memoryleaks im System und kaum einer wusste, was wo und vor allem wie passiert. Ich würde teilweise sagen: Das Projekt ist gegen die Wand gefahren und ein toter Patient ist nun leider tot.

Die schier große Überforderung der Mitarbeiter war durchaus auch in den minimalen SVN-Commits täglich zu sehen. Ich machte mir einen Spaß daraus, mir täglich die Commits anzusehen und es waren wenige. Warum war das bei so einer großen Abteilung und acht Stunden Arbeit so? Ganz einfach: bis jemand einen Bug reparieren kann, muss er sich mituntern stunden- oder tagelang in kaputten und undurchsichtigen Code einlesen und mit Tools kämpfen, die selbst eklatante Fehler haben. In meinen letzten zwei Wochen sollte ich auf Memory-Leak-Suche gehen. Leider konnte ich das nur zwei Tage machen, da ich krank wurde. Ich konnte das aber nicht vernünftig an den beiden Tagen durchführen, da eine Suche nur auf Modulebene alleine nicht geholfen hätte. Ich hätte den Gesamtcode untersuchen müssen, der von anderen Abteilung erstellt wurde und hätte dazu bei der Codezeilenanzahl ohnehin mit zwei Wochen nie was erreichen können. Es hätte eher Monate, viele Monate, gedauert, um ein Ergebnis zu bekommen.

Unit-Tests gab es nicht, zumindest wurden aber gerade Code-Reviews eingeführt. Meine kamen aber immer kurz nach dem Absenden als „alles prima“ zurück.

Weiterhin machte ich mir natürlich Gedanken um meine Aufstiegschancen in dem Laden. Die waren vernichtend gering angesiedelt, vor allem, als ich mit ein paar Kollegen darüber sprach. Ich wurde als „Software Developer“ eingestuft. Dies ist der unterste Rang. Und das, obwohl ich bereits seit vierzehn Jahren in dem Beruf arbeitete und etliche Projekte vorweisen konnte. Man sagte mir, dass ich zum Senior irgendwann aufsteigen könnte, es dann faktisch aber nicht mehr weiter ginge, ohne Personalverantwortung zu erhalten. Personalverantwortung ist das eine, die hätte ich angenommen, faktisch wird man aber zum Bürokraten degradiert, da man dann meist nur noch verwaltet, plant und in Meetings festsitzt. Dafür bin ich nicht der Typ. Ich hätte gerne ein Team, was ich koordiniere und auch mit verwalte, will aber natürlich auf einem technischen Niveau sein.

Also kam der Tag, an dem ich von meinem vorherigen Arbeitgeber ein Angebot bekam, welches ich annahm und kündigte.

Das war recht interessant für mich. Der Abteilungsleiter war in Urlaub und so gab ich es seiner rechten Hand. Ich wurde kurz darauf zu einem Gespräch gerufen, welches ich mit ihr und noch jemanden durchführte. Die beiden gaben sich sichtlich Mühe, nochmal auf mich einzugehen und festzustellen, warum ich denn gehe. Ich gab besseres Gehalt, bessere Arbeitszeiten, bessere Aufgaben usw. an. Ich glaube, die beiden hätten mich gerne da behalten und rein kolligial wäre ich auch gerne da geblieben. Die Leute in meiner Abteilung waren alle großartig, ich kann nicht über eine Person meckern. Aber bessere Konditionen sind bessere Konditionen. Ich wurde gebeten, mein Ausscheiden noch für mich zu behalten, bis der Abteilungsleiter wieder da wäre. Vielleicht könne er mir auch ein besseres Angebot unterbreiten. Ich mache es kurz: „Es ist schade, dass du gehst, aber mit dem Angebot kann ich nicht mithalten, das wäre unfair den anderen gegenüber. Vielleicht sehen wir uns ja bald wieder.“. Leider konnte ich, wie bereits erwähnt, nicht bis zum Ende der Frist da bleiben, da ich krank wurde. Später gab ich aber noch meine Karte und die Hardware ab und konnte mich noch von den Kollegen verabschieden. Die rechte Hand des Abteilungsleiters schien sehr sauer zu sein, konnte ich auch nachvollziehen, wenn jemand in einer solchen Situation noch krank wird, aber da konnte ich leider nichts für und so tat mir der Abschied auf diese Art, den ich doch unangenehm fand, sehr leid.

Eins möchte ich aber noch erwähnen, was ich so noch nie erlebt hatte. Wie so jeder musste auch ich meine Notdurft irgendwann verrichten. Entspannt auf dem Lokus hörte ich in der Nebenkabine komische Geräusche, wie die eines Nagelknipsers. Ich konnte natürlich nicht glauben, dass sich dort jemand die Nägel schneidet. Als ich die Toilette verlies, konnte ich meinen Augen nicht trauen. Auf dem ganzen Boden verstreut lagen abgeschnittene Fingernägel herum. Ich erzählte das meinem Kollegen und dieser meinte, dass dies öfter vorkommen würde.

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